Das Laternenfest: Wenn Götter unter Sterblichen wandeln
Das Laternenfest (元宵节, Yuán Xiāo Jié) fällt auf den fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats – der erste Vollmond des neuen Jahres. Es ist die Nacht, in der China aufleuchtet. Ganz wörtlich. Jede Straße, jedes Haus, jeder Tempel erstrahlt in Laternen – rot, gold, weiß, geformt wie Drachen und Kaninchen und Lotusblumen, die von Dachvorsprüngen hängen, auf Flüssen schweben und in Kinderhänden schaukeln.
Es ist wunderschön. Es ist aber auch, wenn man die Mythologie kennt, ein wenig furchteinflößend. Denn die Laternen sind nicht nur Dekorationen. Sie sind Signale. Sie sagen den Göttern: Wir sind hier. Kommt und findet uns.
Die Ursprungssagen
Wie die meisten chinesischen Feste hat auch das Laternenfest mehrere Ursprungsgeschichten. Keine einzige Mythos dominiert. Stattdessen existieren verschiedene Geschichten nebeneinander, die jeweils einen anderen Aspekt der Feier erklären.
Der Zorn des Jadekaisers
Die dramatischste Ursprungsgeschichte handelt vom Jadekaiser (玉皇大帝, Yù Huáng Dà Dì) und einem rachsüchtigen Kranich.
Laut dieser Legende flog ein himmlischer Kranich zur Erde herab und wurde von Dorfbewohnern getötet. Der Jadekaiser, wütend über den Tod seines Lieblingsvogels, befahl seinen Heeren, das Dorf am fünfzehnten Tag des ersten Monats niederzubrennen.
Die Tochter des Jadekaisers hatte Mitleid mit den unschuldigen Dorfbewohnern und warnte sie heimlich. Die Lösung der Dorfbewohner war klug: Sie entzündeten überall Laternen – in ihren Häusern, auf den Straßen, auf den Hügeln – und setzten Feuerwerkskörper ab. Vom Himmel aus sah das Dorf aus, als stünde es bereits in Flammen. Der Jadekaiser, der die Flammen sah und die Explosionen hörte, glaubte, sein Befehl sei ausgeführt worden, und brach den Angriff ab.
Die Laternen retteten das Dorf. Und seitdem zünden die Menschen jedes Jahr am fünfzehnten Tag Laternen an, um an diese Täuschung zu erinnern.
Der Geburtstag des Himmelsbeamten
Eine theologischere Erklärung verbindet das Laternenfest mit dem Tianguan (天官, Tiān Guān) – dem Himmelsbeamten, einem der Drei Beamten (三官, Sān Guān) des Daoismus.
| Beamter | Chinesisch | Pinyin | Zuständigkeit | Geburtstag | |-----------------|------------|-----------|-----------------------|-----------------------| | Himmelsbeamter | 天官 | Tiān Guān | Segen | 1. Monat, 15. Tag | | Erdenbeamter | 地官 | Dì Guān | Vergebung | 7. Monat, 15. Tag | | Wasserbeamter | 水官 | Shuǐ Guān | Schutz vor Katastrophen | 10. Monat, 15. Tag |Der Geburtstag des Tianguan fällt auf den fünfzehnten Tag des ersten Monats – dasselbe Datum wie das Laternenfest. Der Tianguan ist der Beamte, der Segen verleiht (天官赐福, Tiān Guān Cì Fú), und sein Geburtstag wird mit Laternen gefeiert, weil Licht den von ihm verteilten Segen symbolisiert.
Diese Erklärung verbindet das Laternenfest mit dem umfangreicheren daoistischen Kalender, in dem der fünfzehnte Tag des ersten, siebten und zehnten Monats die drei "Yuan" (元)-Feste sind – jeweils verbunden mit einem der Drei Beamten.
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